Leticia Gasca, Co-Founder von FuckUp Nights: „Lerne aus deinen Fehlern“

In den ersten Juni Tagen hatten wir die Chance als Partner am Fifteen Seconds Festival teilzunehmen, die Business Konferenz für neugierige Köpfe. Wie jedes Jahr ist es eine wundervolle Chance um viele interessante Ideen und Gedanken aufzusammeln. Einige davon möchten wir mit euch teilen.

Deshalb habe ich mich in Graz mit Leticia Gasca getroffen, die Mitgründerin von FuckUp Nights, einer globalen Bewegung, die Events organisiert, an denen Menschen über ihre Geschäftsmisserfolge sprechen können. Leticia und ich haben uns nach ihrer Keynote zusammengesetzt und ich habe sie gefragt, was passieren muss, damit wir aus Fehlern lernen können.

 



 

Hallo Leticia, würdest du so nett sein und dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Leticia Gasca, aber du kannst mich Leti nennen. Nur meine Mutter nennt mich Leticia, wenn sie wütend ist. Ich bin in Mexiko City geboren aber nun lebe ich in Buenos Aires in Argentinien. Ich bin Mitbegründerin von FuckUp Nights und Geschäftsführerin vom Failure Institute. Wir sind Schwester Organisationen: auf der einen Seite hast du die Bewegung FuckUp Nights und auf der anderen Seite Seite hast du das Failure Institute, unser Forschungszentrum.

 

Was ist das Failure Institute?

Wir haben irgendwann festgestellt, dass wir sehr viele Daten und Fallstudien sammeln.  Wir mussten etwas tun mit all diesen wertvollen Infos. Deshalb ist das Failure Institute entstanden. Wir bauen gerade unsere eigene Datenplattform auf, die wahrscheinlich die größte Quelle von Fallstudien über Geschäftsmisserfolge ist.

 

Was ist dein Job im Failure Institute?

Ich bin sehr gut im Managen von Teams, ich entwickle Ideen und mache das Unmögliche möglich. Das große Problem der Forschung ist die Finanzierung. Die meiste Zeit wird die Forschung von großen Unternehmen oder Universitäten unterstützt. Die Wahrheit aber ist, dass die meisten Forscher nicht in der Lage sind, das zu untersuchen, was sie wirklich rausfinden wollen. Wir versuchen das Failure Insitute in ein Business Modell zu packen und so die Möglichkeit zu schaffen, die Themen zu erforschen, die unserer Meinung nach einen Mehrwert für die Community haben.

 

Was hast du gemacht bevor du FuckUp Nights gegründet hast?

Während ich Business Administration und Marketing studiert habe, gründete ich ein Social Startup, das – stell dir vor – fehlschlug. Ich war begeistert von der Bewegung der Social Enterprises und ich dachte, es wäre leicht so ein Business zu gründen. Naiv, sehr naiv (lacht). Das ist meine Failure-Geschichte und meine Erfahrungen mit der Verarbeitung endeten in der Idee der FuckUp Nights. Nachdem ich als soziale Unternehmerin gescheitert war, habe ich angefangen, als Journalistin zu arbeiten. Ich habe für ein paar Magazine als Business Journalistin geschrieben. Als FuckUp Nights entstand, war ich Features Redakteurin für das Expansión Magazin, das größte Business Magazin in Mexiko. Es war sehr schwer diesen Job aufzugeben, den jeder Journalist haben will. Wie auch immer, ich habe mich dafür entschieden, zu gehen und meinen Träumen zu folgen. Ich wollte was erreichen für die Welt und ich glaube, das geht, wenn ich diese Idee weiter verfolge.

 



 

Warum ist es wichtig über Unternehmensmisserfolge zu sprechen?

Als erstes: Es ist schwerer über Unternehmensmisserfolge zu sprechen, als wenn man woanders scheitert. Wir wollten einen Raum dafür schaffen. Ich denke es ist aus zwei Gründen wichtig, darüber zu sprechen: Der erste ist, dass der Misserfolg üblicher ist als der Erfolg, aber wir sprechen nie darüber. Daher bekommen wir den falschen Eindruck. Wir wollen die Perspektive ändern. Der zweite Grund ist, dass  sich viele Leute als Versager fühlen, da wir nie über das Scheitern sprechen. Die Wahrheit sieht anders aus. Viele Leute in der Business Welt sind Loser, aber sie akzeptieren es nicht.

 

Es ist wichtig über Misserfolge zu sprechen, damit wir uns nicht so schlecht fühlen. Aber kann man daraus auch lernen?

Natürlich. Ich denke du lernst mehr aus den Geschichten von jemandem, der gescheitert ist, als aus den Geschichten von einer erfolgreichen Person. Lass mich ein paar praktische Beispiele geben: Ich habe schon viele Geschichten darüber gehört, wie Leute gescheitert sind, weil sie nicht das Kleingedruckte am Ende vom Vertrag gelesen haben. Seitdem ich so viele Geschichten darüber gehört habe, lese ich immer den ganzen Vertrag. Oder eine andere Geschichte über Unternehmen, die wegen einer miserablen Finanzplanung gescheitert sind. Seitdem schaue ich mich immer nach guten Buchhaltern und einem guten CFO um – ich weiß, dass es super wichtig für den Erfolg eines Unternehmens ist. Ich denke das ist das Besondere an den FuckUp Nights. Es ist eine Art von informeller Ausbildung, wo Leute ohne BWL-Studium hingehen und etwas Praktisches lernen, das sie schon am nächsten Tag in ihrem Unternehmen anwenden können.

 

Eure Bewegung ist in über 200 Städten auf der ganzen Welt vertreten. Gibt es einen großen Unterschied zwischen den Ländern, in der Art und Weise, wie mit Scheitern umgegangen wird?

Ja, da ist ein Unterschied. Natürlich. Aber vielleicht nicht so wie du erwartest. Ich dachte zum Beispiel, dass die USA das Paradies für Misserfolge ist, aber das stimmt nicht. Ich meine, es ist schon so, dass Silicon Valley ein guter Platz dafür ist.  Dort wissen sie schon, dass es normal ist zu scheitern. Es gibt auch Investoren, die nie in dein Unternehmen investieren würden, wenn du nicht mindestens einmal gescheitert bist. Aber im Rest der USA besteht genauso die Angst zu versagen, wie du sie auch in Latein Amerika finden kannst. Die meisten Versagensängste lassen sich aber in Asien finden, besonders in Japan. Dort haben sie den Glauben, dass wenn dein Business scheitert, dann scheitern nicht nur deine Investoren und deine Mitarbeiter, sondern du scheiterst auch in den Augen deiner ganzen Familie und Community.

 

Versagen ist ein Gemütszustand, weil man einfach die Perspektive ändern kann, von einer negativen Sicht zu einer positiven Einstellung dem Scheitern gegenüber.

 

Ist das, was du in deiner Keynote meintest mit ‘Versagen ist ein Gemütszustand?‘

Völlig. Es ist wichtig zu wissen, dass wenn dein Geschäft versagt, nicht du versagst, sondern nur dein Business. Es kommt nur darauf an, wie du diesen Misserfolg betrachtest. Es ist wichtig zu wissen, dass du kein Versager bist, aber um eine erfolgreiche Person zu sein, solltest du aus deinen Fehlern lernen. Versagen ist ein Gemütszustand, weil man einfach die Perspektive ändern kann, von einer negativen Sicht zu einer positiven Einstellung dem Scheitern gegenüber.

 

Und gibt es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern und der Art und Weise, wie mit Scheitern umgegangen wird?

Ja, das ist sehr Interessant. Tatsächlich arbeiten wir an einer Recherche über dieses Thema. Wir haben die Theorie, dass Unternehmen, die von Frauen gegründet worden sind, weniger zum Versagen neigen und dass sich Frauen schneller erholen, weil sie besser vernetzt sind und eher ein Umfeld haben, in dem sie sich verletzlich zeigen können. Wir haben Freunde und viele soziale Kontakte, die einem helfen, wenn man versagt. Frauen sind dadurch einfach robuster.

 

Das ist die Idee, die du auch in deiner Keynote präsentiert hast, oder? Soziale Netzwerke sind sehr wichtig, um sich vom Misserfolg wieder zu erholen.

Du musst Durchhaltevermögen aufgebaut haben, um dich von Misserfolgen zu erholen. Wissenschaftliche Forschungen haben herausgefunden, dass ein entscheidender Faktor dafür ein gesundes soziales Netzwerk ist. Das ist auch der Grund, weshalb sich Menschen schneller erholen, die mehr soziale Netzwerke aufweisen und mit Familie und Freunden verbunden sind. Dabei geht es nicht um die Anzahl an Freunden, die man hat, sondern es kommt darauf an, wie innig die Freundschaft ist. Es ist wie im Sport und bei den Leichtathleten: Wenn du schnell sein willst, dann geh alleine, wenn du weit kommen willst, geh gemeinsam.

 

Hat die Art und Weise, wie Misserfolge behandelt werden, Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung einer bestimmten Region? Sind da zum Beispiel weniger Start-ups in Japan, weil Versagensängste dort so stark sind?

Die Global Entrepreneurship Monitor (GEM) misst jedes Jahr unterschiedliche Parameter. Einer von ihnen ist die Angst zu Versagen. Damit ist der Prozentsatz der Bevölkerung gemeint, der gerne ein Unternehmen gründen will, aber es nicht macht, weil die Angst zu groß ist, zu scheitern. Der GEM zeigt, dass in Afrika, Asien und Ozeanien die Versagensangst sehr hoch ist. Und ja, deshalb sind auch die Zahlen von neu gegründeten Unternehmen sehr gering. Die Leute sind nicht bereit, ein neues Unternehmen zu gründen, vor allem nicht, wenn sie schon ein Unternehmen hatten, dass gescheitert ist.

 



 

Danke Leti für diese interessanten Einblicke in die Idee der schöpferischen Kraft vom Scheitern. Möchtest du noch etwas hinzufügen?

Ja, natürlich. In Österreich gibt es fünf Städte, die FuckUp Nights organisieren und 14 Städte in Deutschland. Wir freuen uns über jede und jeden, die uns einmal in einer dieser Städte besucht.