Wie funktioniert Disruption: „Bring dein ganzes Ich ein“

„Challeging the status quo“ war das Motto des Fifteen Seconds Festivals in Graz letzte Woche – eine Business Konferenz, die die neugierigen Köpfe der globalen Community der Leader, der Kreativen und der Innovatoren zusammenbringt. Anexia konnte bei diesem wunderbaren Event wieder als Partner dabei sein. Wir wollen Danke sagen, für den prickelnden Input und die anregenden Unterhaltungen, an denen wir teilnehmen durften. Und natürlich wollen wir all diese spannenden Eindrücke auch mit unseren Leserinnen und Lesern teilen.

Ein großes Thema war dieses Jahr der Punkt ‚Talent‘, mit dem sich verschiedene Speaker in Keynotes zum ersten Mal auf einer eigenen Bühne beschäftigt haben. Wie können Organisationen aufgebaut und strukturiert sein, dass Talente Platz finden, um sich zu entwickeln und Innovation stattfinden kann? Ganz besonders inspirierend zum diesem Thema hat Mandy Chooi gesprochen.

Mandy ist ehem. Global Director of HR Strategy & Innovation bei ING. Sie hat gerade erst vor zwei Monaten ihren Arbeitgeber verlassen um als selbstständige Unternehmensberaterin zu arbeiten. Auf der Bühne hat sie ihre Idee präsentiert, warum nicht nur Menschen sondern auch Unternehmen Selbstbewusstsein und die Selbstwahrnehmung trainieren müssen. Bevor sie auf die Bühne gestiegen ist, habe ich die Chance genutzt und Mandy für ein Interview getroffen. Ich habe sie gefragt, wie ihr nomadischer Lebensstil ihre Karriere beeinflusst, warum Disruption wichtig ist und wie Unternehmen ein disruptives Umfeld herstellen aber auch überleben können.



Mandy, wärst du so lieb und könntest dich kurz vorstellen?

Sicher. Mein Name ist Mandy Chooi. Ich habe in sieben Ländern gelebt, was ziemlich beeindruckend ist, wie ich finde. Ich bin in Malaysia geboren, aber in Kanada aufgewachsen und zur Uni gegangen. Danach habe ich Kanada verlassen und meine Karriere hat schnell begonnen. Ich habe bei Motorola angefangen, wo ich Managementberatung gemacht habe. Danach habe ich für Honeywell gearbeitet, danach für Johnson und dann eben für ING. Die meiste Zeit meiner Karriere habe ich mich mit Humanstrategie auseinandergesetzt, was bedeutet: Wie kann man Organisationen gestalten, so dass man das Beste aus den Leute rausbekommt?

Du hast bereits erwähnt, dass du in verschiedenen Ländern gelebt hast. Ich habe in einem Artikel gelesen, dass es dir schwer fällt auf die Frage „Wo fühlst du dich heimisch“ zu antworten. Hast du inzwischen eine Antwort gefunden?

Tatsächlich ist das die gute Frage. Das ist die Frage, auf die ich gerne antworte. Die schwerste Frage für mich ist ‚Woher kommst du‘. Ich kann das nicht beantworten. Es gibt nicht ein Land, wo ich lange genug gelebt hätte, dass ich behaupten möchte, da komme ich her. Daher finde ich es besser, wenn Leute mich fragen „wo bist du heimisch“. So erhalte ich die Chance, über spezielle Plätze zu reden. Es gibt bestimmte Gegenden in Chicago, in Thailand oder in Amsterdam, wo ich mich wie ein Einheimischer fühle. Und auch wenn ich nur ganz kurz in China gelebt habe, gibt es da eine spezielle Gegend rund um das Ostufer des Flusses in Pudong, wo ich mit sehr stark zuhause und heimisch fühle.

Ja, also daher finde ich solche Fragen besser. Man fängt zu reden an und kann eine nette Unterhaltung haben.

Du lebst einen nomadischen Lebensstil. Hatte dieser Lebensstil Einfluss auf deine Karriere?

Ja, es hatte einen starken Einfluss. Ich glaube, das hängt alles damit zusammen, welche Person ich bin. Meine Eltern erzählen mir immer die Geschichte, dass ich bereits mit fünf Jahre jedem erklärt habe, dass ich mal in diesem und jedem Land leben werde, dass ich ins Weltall reise und alles. Ich war einfach nie jemand, der nur an einem Ort verwurzelt ist. Ich wollte schon immer alle Länder der Welt sehen. Und als sich dann die ersten Karrierechancen aufgetan haben, habe ich immer die Option gewählt, die mir den größten Wechsel versprochen hat. Meistens hat das bedeutet: ein anderes Land, eine andere Branche, eine andere Sprache. Es war mir immer wichtiger, die maximale Disruption zu erfahren als schnell die Karriereleiter nach oben zu steigen. Und dabei war ich mir gar nicht darüber bewusst, dass ich so meinen Werdegang gestalte. Ich habe einfach nur das getan, was ich liebe: Ich habe die Welt entdeckt. Und weil ich das getan habe, habe ich mir eine ganz andere Denkweise antrainiert, die dann meine Karriere beeinflusst hat. Das war in den späten 1990ern und Anfang der 2000er, als alle Unternehmen globalisiert wurden. Damals hat man nach Talenten gesucht, die a) bereit waren zu reisen und an verschiedenen Orten der Welt zu arbeiten und die b) aber auch bereits Erfahrung in diesem Bereich hatten. Und da habe ich reingepasst.

Du hast erst Kunst studiert und dann zu Psychologie gewechselt. Hatte dieser Wechsel und die Tatsache, dass du Experte in verschiedenen Bereichen bist ebenfalls Einfluss auf deine Karriere?

Ja, das ist eine interessante Sache. Mein Vater war Kunstsammler. Er hat sich immer in der Kunstwelt bewegt, viele seiner Freunde waren Künstler. Und so hatte ich immer richtig gute Lehrer, die alle erfolgreiche Künstler waren. Kurz gesagt: Bis ich 17 Jahre war, habe ich immer gedacht, ich würde auch Künstlerin werden. Ich hatte Kunstunterricht und habe jeden Tag gemalt. Aber mein Vater ─ als der chinesische Vater, der er nun mal ist ─ hat entschieden, nein das sei keine vernünftige Karriere. Du brauchst eine vernünftige Karriere. Und so hat er einige Diskussionen später gewonnen. Ich habe einen vernünftigen Abschluss von einer vernünftigen Universität. Aber im Rückblick glaube ich, dass mir beide Seiten sehr geholfen haben. Ohne den vernünftigen Abschluss hätte ich niemals diese wunderbare Karriere in großen Unternehmen machen können. Aber ohne die Kunst wäre ich normal. (lacht) Ich glaube, das ist, was mich von den anderen unterschiedet. Es gab viele Leute, die das Gleiche gemacht haben wie ich, aber ihnen hat die Kreativität gefehlt und ohne die Fähigkeit, von total ungewöhnlichen Perspektiven auf die Dinge zu schauen. Kreativität und Design machen was aus. Was auch immer du machst, du brauchst Kreativität und du brauchst Design.

Kreativität und Design machen was aus. Was auch immer du machst, du brauchst Kreativität und du brauchst Design.

Hast du das feststellen können: Fast 50% der Speaker hier am Fifteen Seconds Festival sind Frauen. Triffst du oft auf Frauen bei Konferenzen oder ist die Welt, in der du arbeitest immer noch sehr männerdominiert?

Ah, das ist ja nett, dass es 50% Frauen sind. Tatsächlich ist das verschieden, ob ich andere Frauen treffe und auch ob ich als Frau anders behandelt werde. Das kommt ganz stark auf die Unternehmenskultur an und oft hängt es auch mit dem Land und deren Kultur zusammen. Ich sehe da immer noch, auch heute, einen großen Unterschied wie Geschäftsfrauen behandelt werden im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen. Aber im Allgemeinen muss ich auch sagen, im Vergleich zu vor 20 Jahren hat es eine immense Verbesserung gegeben.



Danke für die Einblicke in deinen Werdegang. Lass uns jetzt ein wenig über das Thema sprechen, dass du hier auf der Bühne präsentieren wirst. Der Titel deiner Keynote lautet: „Companies Need to Be Self-Aware too, not just People.” – Warum müssen Unternehmen selbstbewusst sein?

Die Welt verändert sich wahnsinnig schnell und Führungskräfte müssen Entscheidungen sehr schnell treffen. Wir treffen große Entscheidungen, die Einfluss auf Mensch und Technik haben ohne jegliche Präzedenzfälle zu haben. Man kann sich nicht nach jemanden richten oder einem best practice Beispiel folgen. Diese Möglichkeit gibt es schlicht und ergreifend nicht mehr. Man muss die Lösung selbst finden. Und dazu kommt, dass diese Entscheidungen auf sehr wenig Daten, sehr wenig Gewissheit beruhen und ganz sicher keine sichere Aussicht auf Erfolg garantieren. In dieser unklaren, komplexen Welt glaube ich, ist das Einzige, auf das wir uns verlassen können unser Charakter: als Person und als Unternehmen.

Und ein solcher Charakter wird geformt durch Selbstbewusstsein und Selbstwahrnehmung?

Ja. Und so definiere ich Selbstbewusstsein, das sind drei Aspekte: Hast du eine Absicht? Kennst du deinen Sweet-Spot? Bist du authentisch? Das sind die drei Dinge die es braucht, als Person und als Unternehmen, um selbstbewusst zu sein.

Also, hast du eine Absicht? Damit meine ich, wofür du stehst. Als Person, wenn du alles über Bord geworfen hast, wenn du alles verloren hast und verunsichert da stehst, ohne jede Führung; du weißt immer noch, wofür du stehst und was du nicht aufs Spiel setzen würdest. Und das Gleiche gilt für ein Unternehmen. Entdecke deine Absicht, finde heraus, wofür dein Unternehmen steht und dann schau dir alle Prozesse, alle Entscheidung, alle Praktiken und alle Politiken in deinem Unternehmen genau an. Folgen sie alle dieser Absicht und unterstützen sie?

Der nächste Punkt ist dein Sweet-Spot. Das ist ein Begriff bei Tennis oder bei Golf. Der Sweet-Spot ist der Moment, in dem und den Ball genau an der richtigen Stelle triffst. Es fühlt sich wunderbar an, du brauchst kaum Anstrengung und der Ball geht genau da hin, wo du ihn haben willst. Als Person musst du deinen Sweet-Spot finden, was die Kreuzung zwischen deinen Stärken und deinen Motiven ist. Und wenn du diesen Punkt gefunden hast, versichere dich, dass du genau von da aus so oft als möglich handelst. Hier wirst du deine beste Arbeit machen können. Und wieder gilt das Gleiche für Unternehmen auch: Weil alle von Innovation, Innovation, Innovation sprechen, verlieren manche Unternehmen ihren Fokus. Sie versuchen, sich alle Optionen offen zu halten, was sie aber zumeist nur diffus werden lässt. Wer an Innovation scheitert, scheitert zumeist nicht aus Mangel an guten Ideen, sondern aus Mangel an Fokus. Finde also deinen Sweet-Spot, finde heraus was dein Unternehmen besser macht als alle andern, gestehe dir ein, worin du schlecht bist und mach das nicht mehr. Vergewissere dich, dass dein Unternehmen von seinem Sweet-Spot aus agiert.

Und der letzten Punkt ist die Authentizität. Sei authentisch. Für mich bedeutet das, den Mut zu haben, sein ganzes Ich zur Arbeit zu bringen. Es macht keinen Sinn, sich aufzuteilen. Du kannst nicht sagen das ist mein Arbeits-Ich, aber zuhause bin ich mein Daheim-Ich. Nein. Authentisch sein meint das Gleiche wie von hoher Integrität sein. Und das wiederum bedeutet das alles, von deinen Gedanken zu deinen Worten und Taten zu deinen Tweets und Blogs konsistent sein muss. Und das Gleiche gilt natürlich für Unternehmen auch: Du musst sehr klar in dem sein, was du bist, wofür du stehst und worauf deine Praktiken basieren.

Also ja, deshalb sage ich, ein selbstbewusstes Unternehmen kennt seine Absicht, kennt seinen Sweet-Spot, agiert von dort und weiß, wie man authentisch auftritt und sein ganzes Ich zeigt.

Gehört dann das Scheitern und das Sprechen über Scheitern auch zur Authentizität dazu?

Auf jeden Fall. Als ich das Leadership-Programm für ING entwickelt habe, war eines der Hauptelemente des Programms ‚Zeige deine Verletzbarkeit‘. Es ist wichtig, dass man die Stärke hat, vor dem gesamten Team über das eigenen Scheitern zu sprechen. Ich glaube, das Teilen der eigenen Geschichte und das Einblick Gewähren, zu was man sonst nicht zeigt, sofort eine neue Verbundenheit schafft.

Warum ist Innovation so essentiell für Unternehmen heute?

Ich glaube, Innovation ist deswegen so wichtig, weil die Welt sich so schnell ändern. Es gibt diese Megatrends, die Unternehmen treffen. Die Geschwindigkeit des Wandels ist so schnell, dass wenn du dich nicht neu erfindest, wenn du einfach weiter das machst das du machst, dich jeder überholen wird. Stillstehen ist somit das Gleiche wie sich rückwärts bewegen. Und so ist für mich die Innovation eine Art des Denkens und eine Art wie Arbeit organisiert werden kann, die ein Unternehmen dazu befähigt disruptiv aufzutreten.

Also ist Innovation eine Denkart die den inneren Bruch, die Disruption, zulässt. Warum ist es so wichtig, dass man zur Disruption bereit ist?

Der einzige Weg um zu Überleben ist die Innovation und die Bereitschaft zur Disruption. Ich habe dazu ein Beispiel von ING; eins, wo ich sehr stolz auf ING bin. Es war eine schwere Entscheidung für mich zu gehen, weil ich so gerne dort gearbeitet habe. Und eine der Sachen, die ING so unglaublich gut macht, ist, dass es offen erklärt: ‚Wir sind bereit zur Disruption‘. ING ist eine Bank, die mehrere Fintech Start-ups fördert, die versuchen, herauszufinden, wie man Menschen es ermöglicht, ihre Finanzgeschäfte selbst zu erledigen, sodass Banken überflüssig werden. Es geht darum, den Mut zu haben, zu erkennen, dass die Disruption sowieso stattfinden wird. Es liegt aber an einem selbst, ob man mitmacht bei der Entwicklung oder außen vor oder eben hinten nach bleibt.

Aber warum fällt Unternehmen diese Bekenntnis so schwer?

Naja, wenn du dich einmal zur Innovation bekennst, hat das einen riesigen Einfluss auf die Gestaltung deines Unternehmens. Wenn du einmal diese Entscheidung getroffen hast, musst du alles genau unter die Lupe nehmen. Wie gestaltet sich dein Unternehmen, die Struktur, die Jobtitel? Wie bezahlst du deine Mitarbeiter? Wie wird Scheitern behandelt? Wie sind Teams aufgebaut? Wie werden Projekte finanziert? Und musst vielleicht all diese Sachen neu gestalten. Und es fängt alles mit dieser Entscheidung, dieser Einstellung: Yep, wir werden ein innovatives Unternehmen sein.

Danke Mandy für diese spannenden Unterhaltung.


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